Im Rampenlicht #1: Jean-Pierre Jeunet

Sein Stil gilt als ausgesprochen ungewöhnlich, seine Charaktere sind stets skurril und seine Erzählweise ist sehr detailverliebt: Der französische Regisseur Jean-Pierre Jeunet hat in seinem Schaffen bisher „nur“ acht Langspielfilme produziert. Und dass in einem Zeitrum von über zwanzig Jahren. Jeunet hat es geschafft, allen seinen Filmen seine eigene Note aufzudrücken.

Er ist einer meiner absoluten Lieblingsregisseure und in der ersten Folge unserer neuen Reihe „Im Rampenlich“ möchte ich euch mal erzählen, warum.

Meinen Einstieg in die Filme von Jeunet hatte ich, ohne es zu ahnen, mit ALIEN – DIE WIEDERGEBURT (1997). Als Genie hinter der Kamera wurde er mir, wie so vielen anderen wohl auch, bei der romantischen Tragikomödie DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE (2001) bewusst. Den Film sah ich jedoch erst 2007 zum ersten Mal. Sofort überzeugt davon, dass die eine Regisseur das Potential hat, einer meiner Lieblinge zu werden, begann ich schnell mit einer bisherigen Werkschau.

Jean-Pierre Jeunet wurde am 3. September 1953 im französischen Roanne geboren. Viel zu seinem Leben ist nicht bekannt. Wohl aber die Tatsache, dass er schon früh seine Leidenschaft fürs Filmemachen entwickelt haben muss – und für Comics. Seinen Spielfilmen merkt man gerade die letztgenannte Leidenschaft an: Alles wirkt häufig verzerrt, überzeichnet und doch sehr detailliert und punktiert.

Bereits in Jeunets frühen dreißiger Jahren erzeugte er mit seine animierten Kurzfilmen, die er gemeinsam mit Marc Caro (ebenfalls Comiczeichner) verwirklichte, Aufmerksamkeit. Sein Kurzfilm THE MERRY-GO-ROUND erhielt 1981 gar den César – den französischen Filmpreis.

 

Das Debüt: DELICATESSEN (1991)

Zehn Jahre später folgte – „endlich“ möchte man aus der Retrospektive heraus sagen – sein Langspielfilm-Debüt: DELICATESSEN. Den Regiestuhl teilt er auch hier mit Marc Caro. DELICATESSEN (2004) ist ein Werk, dass heute immer noch viel zu wenige kennen, wird es doch vom Dogma-Werk DÄNISCHE DELICATESSEN häufig in den Schatten gestellt. Beide Filme behandeln ein ähnliches Thema jedoch von einer völlig anderen Perspektive heraus. Während in Anders Thomas Jensens Werk, in dem Mads Mikkelsen als schmieriger Metzger (Jean-Claude Dreyfus) wortwörtlich glänzte, zwei Männer heimlich und irgendwie auch aus der Not heraus Menschenfleisch verkaufen und damit richtig erfolgreich werden, spielt Jeunet DELICATESSEN in einer dystopischen nahen Zukunft. Die Welt liegt in Trümmern und die Nahrungsmittel sind knapp. Die Menschen können sich kaum noch vertrauen – und das aus gutem Grund. Dominique Pinon spielt den erwerbslosen Clown Louison, der neu in ein Wohnhaus zieht. Was er nicht weiß, die freie Wohnung ist eine Falle. Denn die Bewohner locken so Menschen an, um diese heimlich zu töten und zu verspeisen. Der Film ist wie ein surrealistisches Gemälde und besticht durch eine klaustrophobische Atmosphäre. Kein Wunder, denn die Räume sind eng und die Wände völlig verzogen und schief. Kein schöner Ort zum Wohnen und doch wahrscheinlich sogar einer der besseren in dieser zerstörten Welt voller kranker Menschen.

Das Chaos geht weiter: DIE STADT DER VERLORENEN KINDER (1995)

In DIE STADT DER VERLORENEN KINDER setzt Jean-Pierre Jeunet (wieder mit Mar Caro) erneut auf ein dystopisches Szenario. Irgendwo zwischen naher Zukunft und viktorianischer Ära schwebend, spielt die Geschichte in einer Kleinstadt, in der regelmäßig Kinder entführt werden. Ron Perlman als kräftiger, wenngleich etwas naiver und beschränkter, aber sehr gutmütiger Riese macht sich auf die Suche nach einem Jungen und entlarvt dabei ein düsteres Geheimnis. In meinem Podcast erfahrt ihr mehr darüber:

Der Ausreißer: ALIEN – DIE WIEDERGEBURT (1997)

Ja, dieser Film hat es nicht leicht und doch war ausgerechnet er der Sprung von Jean-Pierre Jeunet auf das große Filmparkett: Mit ALIEN – DIE WIEDERGEBURT führte Jeunet ein kommerziell sehr erfolgreiches Science Fiction-Franchise fort, jedoch auf seine eigene Art. Überzeugte der erste Teil 1981 noch durch seine dunklen Gänge und dem Ungewissen, das auf die Crew eines Raumschiffs lauert, so setzte der zweite Teil schlicht auf eine purer Masse an Aliens (wie der Originaltitel ja schon sagt: ALIENS), wohingegen der dritte Teil fast einem Gefängnisdrama nahekommt.

Jeunets ALIEN-Film ist irgendwie eine Mischung aus allen drei Vorgängern. Der vermischte die bedrückende Atmosphäre aus Teil eins, mit der Action aus Teil zwei und den interessanten Figurenkonstellationen aus Teil drei. Dabei setzte er neben ALIEN-Star Sigourney Weaver auf seinen Kumpel Ron Perlman und Wynona Rider.

Das Meisterwerk: DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE (2001)

Für mich gehört der Film zu den Besten, die jemals gedreht wurden. Allein die Einführung von Amelie, zaubert naiv dargestellt von Audrey Tautou, zeigt auf wahnsinnig intensive Art die Macht der filmischen Erzählkraft auf den Zuschauer und beweist die Fähigkeit des Genies, das hinter diesem Film steht. In DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE lebt eine hübsche, stets freundliche und sehr naive wie lebensferne junge Frau zurückgezogen in ihrem Pariser Viertel. Als sie eines Tage eine Dose findet, möchte sie diese dem Besitzer zurückgeben. Dazu muss sich jedoch nicht nur erst einmal herausfinden, wem die Dose gehört, sondern sie muss sich erstmals auch aus ihrem selbst errichteten Schneckenhaus herausbewegen und einen direkten Kontakt zu ihren Umwelt wagen.

Dieser verkopfte Prozess des Erwachens, des Eindringens in die Gesellschaft und der damit verbundene mutige Prozess des Ausbruchs wird emotional und intensiv dargestellt und von den markanten Bildkomposition unterstrichen. DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE erhielt viele Preise und sogar fünf Oscar-Nominierungen.

Tragisch, romantisch, historisch: MATHILDE – EINE GROSSE LIEBE (2004)

MATHILDE – EINE GROSSE LIEBE ist mehr ein Drama, denn ein lustiges Märchen. Zwar hat der Film, der auf dem gleichnamigen Roman von Sébastien Japrisot basiert, Elemente des Komischen, aber weniger des Skurrilen. Das ist gut so, denn die Thematik des Films von Jean-Pierre Jeunet wäre dafür zu ernst gewesen: Mathilde, erneut steht hier Audrey Tautou in der Hauptrolle, untersucht den Tod ihres Verlobten. Dieser war Soldat im ersten Weltkrieg. Sie erfährt, dass ihr Mann zum Tode verurteilt wurde, da er sich selbst verstümmelt hat, um von der Front abgezogen zu werden. Die Mischung aus Realität, Traum und Rückblenden verleiht dem eigentlich trockenem Thema eine künstlerische Note, die einmal mehr durch den Farbfilter unterstützt wird.

Chaos in der Großstadt: MICMACS – UNS GEHÖRT PARIS (2009)

Er hätte HARRY POTTER UND DER ORDEN DES PHÖNIX inszenieren können, doch er entschied sich für MICMACS. Eine gute Entscheidung. Schließlich ist die Zauberer-Reihe spätestens mit diesem Teil eine sehr ernste und düstere Angelegenheit. Beides liegt Jeunet zwar, doch die fantastische Märchenwelt, die noch in den Filmen davor aufgebaut wurde, schlägt hier eine bittere Wendung ein, die nicht zum Stil von ihm gepasst hätte. Obendrein hat sich Jeunet bereits in dem ALIEN-Franchise die Füße verbrannt – noch an einer bereits bestehenden großen Filmreihe teilzuhaben, den Fehler wollte er bestimmt nicht noch einmal begehen.

Eine lustige Bande von akrobatisch veranlagten Außenseitern macht Paris unsicher. Und das nicht ohne Grunde, denn sie haben ein Problem: Die Waffenindustrie. Das klingt nicht nur gaga. Das ist auch gaga. Den Film zu erklären, fällt nicht so leicht, ich finde gar, dass MICMAC der bisher irrste Film, in der Reihe von Jeunets irren Filmen ist. Am besten, jeder macht sich hier mal selbst ein Bild:

Eine fantastische Reise: DIE KARTE MEINER TRÄUME (2013)

Und wieder erhielt Jean-Pierre Jeunet die Chance für ein großes Werk: Er stand in der engeren Aufwahl zur Verfilmung des Romans „Life of Pi“. Tatsächlich saß er ganze zwei Jahre an der Planung zum Film – ohne Ergebnis, denn das Budget war Produktionsschmiede 20th Century Fox zu hoch. Er selbst sagt, dass er zwei Jahre seines Lebens an diesem Projekt verschwendet hat. Das Projekt wurde an Ang Lee vergeben und das Budget wurde durch ihn sogar noch größer. Der Filme wurde dennoch verwirklicht und der Rest ist Geschichte. Auch diesmal erneut die richtige Entscheidung. Denn mit DIE KARTE MEINER TRÄUME entschied er sich für eine Geschichte, die mehr seinem Stil entsprach. Und so wurde ein anderen Werk seine zweite Romanverfilmung.

Aber er wäre nicht er, wenn er nicht auch dieser Handlung sein ganz eigene Note verleihen würde. Die Farbkomposition der Bilder lässt dem Film wie ein Gemälde daherkommen. Und die Geschichte über T.S. (Kyle Catlett), ein kleines intelligentes Wunderkind aus Montana, ist einfach nur wahnsinnig unsinnig wie wundervoll herrlich. Denn der Junge erhält einen Anruf vom renommierten Smithsonian Institut und wird eingeladen, seine Erfindung – ein tatsächlich funktionierendes Perpetuum Mobilie, vorzustellen. Was die Wissenschaftler nicht ahnen: Er ist ein Kind. Und so ist er sich auch nicht ganz sicher, ob er überhaupt seiner Familie von dieser Ehre, die ihm zu Teil wird, erzählen soll. Kurzerhand zieht er alleine aus, um seine Rede vor der wissenschaftlichen Elite zu halten.

 

Jean-Pierre Jeunet mag nicht viele Filme gemacht haben und wahrscheinlich hat er bis heute auch nie die Aufmerksamkeit erhalten, die er verdient hätte. Aber für mich gehört er zu den großen Meistern und ist für mich in einer Reihe zu nennen mit Tim Burton, Terry Gilliam und Wes Anderson.

Kennt ihr Jeunets Filme? Welches ist euer Favorit?

Jörg Gottschling

Jörg Gottschling

Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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