GODLESS (2017)

Epische Western-Serie

Es sagt schon der Titel: Das Land in dieser Westernserie ist gottlos. Es ist ein Land, in dem noch das Recht des Stärkeren gilt, in dem die Schwachen den Stärkeren schutzlos ausgeliefert sind. GODLESS erzählt eine typische Wildwest-Geschichte – wie ein sehr langer Film, der sich genügend Zeit nimmt, alle Charaktere näher zu beleuchten und die Hintergründe zu erzählen. In den sieben Folgen, die jeweils zwischen 41 und 80 Minuten dauern, entwirft die von Steven Soderbergh mitproduzierte Netflix-Serie eine epische Western-Story in all ihrer Breite.

 

INHALT:

Die Serie beginnt mit mehreren parallel erzählten Geschichten: Eine Gruppe von Männern reitet in eine ausgebrannte Stadt voller Leichen. Eine Frau schießt nachts einen Fremden nieder, der sich ihrer einsamen Farm nähert, und pflegt ihn anschließend im Stall. Ein Mann kommt mit seiner Bande zu einem Chirurgen, der ihm den Arm abnehmen muss. Ein Sheriff lässt sich von einem indianischen Schamanen behandeln, bevor er in seine Stadt zurückreitet, in der fast nur Frauen leben. Es dauert etwas, bis man weiß, was Sache ist. Erst nach kurzer Zeit kann man sich die Verbindung zwischen den einzelnen Geschichten erschließen. Wer diese noch nicht hören will und die Geschichte ohne jegliche Vorkenntnisse über die Story sehen möchte, sollte die Inhaltsangabe jetzt nicht weiterlesen.

Also mal genauer: Wovon handelt GODLESS? Der Bandit Frank Griffin (Jeff Daniels) überfällt mit seiner Bande Minen und deren nahegelegenen Städte. Bei einem dieser Überfälle lässt sein Vertrauter Roy Goode (Jack O’Connell) ihn im Stich und haut mit der Beute ab. Griffin verfolgt ihn und verliert bei einem Schusswechsel seinen Arm. Vor Wut darüber brennt der Gangster eine nahegelegene Stadt nieder und lässt jeden töten.

Goode kommt nachts zu Alices (Michelle Dockery) Farm, die ihn für einen Eindringling hält und niederschießt. Auf Drängen ihres Sohnes versorgt sie den Verletzten im Stall und hilft ihm, wieder zu Kräften zu kommen. Alice wohnt in der Nähe der Minenstadt La Belle. Seit einem Minenunglück vor ein paar Jahren, bei dem nahezu alle Männer der Stadt starben, ist der Ort fast nur von Frauen bewohnt. Der Sheriff von La Belle, Bill McNue (Scoot McNairy), gilt als Feigling und verliert langsam aber sicher sein Augenlicht. Als er erfährt, dass der Gangster Griffin die Gegend unsicher macht und einen Roy Goode sucht, gerät er in Sorge. Was, wenn Griffins mordende, vergewaltigende und plündernde Bande erfährt, dass hier eine Stadt existiert, in der fast ausschließlich Frauen wohnen?

FAZIT:

Es soll keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass der von Jeff Daniels gespielte Gangster Griffin wirklich durch und durch böse ist. Bei fast jeder Begegnung mit anderen Menschen foltert, mordet oder vergewaltigt er. Und wenn er dann mal irritierenderweise etwas Gutes tut, bleiben seine wirklichen Absichten lange im Dunkeln.

Durch seine Grausamkeit, besonders seine (sexuelle) Gewalt gegen Frauen, erscheint die Lage der nur aus weiblichen Bewohnern bestehenden Stadt La Belle umso bedrohlicher. Was, wenn dieser vergewaltigende Bösewicht, der sich an Frauen schon bei Anwesenheit ihrer Männer vergeht, einen Ort voll hilfloser Damen entdeckt? Denn La Belle ist nicht eine dieser Trash-Städte wie in SIN CITY, in denen die Frauen souverän herrschen und Eindringlinge niederschießen. Die meisten Bewohnerinnen La Belles sehnen sich nach Männern, die sich um sie kümmern und die sie beschützen. Es gibt nur wenige Ausnahmen, etwa die (durchaus maskuline) Mary Agnes (Merritt Wever), die öfters zeigt, dass sie auf sich selbst aufpassen kann.

Sie ist eine der vielen interessanten Figuren, mit denen GODLESS aufwartet. Von ihnen gibt es einige: Der Sheriff, der langsam sein Augenlicht verliert und versucht, mit Stolz dagegen anzukämpfen. Oder der Gangster, der schon in den ersten Szenen einen Arm verliert (was aber in keiner Weise seine Bedrohung schmälert) und der immer wieder behauptet, gesehen zu haben, wie er sterben wird. Höhepunkt der Figuren ist allerdings Deputy Whitey (dargestellt von Thomas Brodie-Sangster), ein junger von sich überzeugter Möchtegern-Revolverheld, der mit seinen Waffen allerhand Tricks anstellen kann. Brodie-Sangster gibt diesen jungen Gesetzeshüter mit einer genialen Mischung aus unsterblicher Coolness und kindhafter Unsicherheit.

GODLESS steigert seine Qualität nach der ersten Folge und hält sie bis zum furiosen, spannenden Finale durch, wenn alles in einer erst bemerkenswert intensiven, dann aber zunehmend verwirrenden Schlacht endet. Je mehr aus der Vergangenheit der Figuren aufgedeckt wird, desto größer und epischer wird die Serie. Gebührend episch ist auch der tolle Western Score (verantwortlich dafür: T Bone Burnett), der einen manchmal allein durch seine Instrumentierung in die alte Western-Zeit versetzt, manchmal aber auch so klingt, als würden bei den fliegenden Landschaftsaufnahmen im nächsten Moment Orks erscheinen oder der weiße Baum Gondors ins Bild gerückt werden.

Die Handlung ist stets in sich stimmig. Nur wenige Erzählstränge laufen überflüssig ins Leere. Immer wieder spielt GODLESS auf Westernklassiker wie DJANGO (der Sarg) oder AUF EIGENE FAUST (der Baum neben dem Grab) an. Sie verliert dabei nie die Handlung aus dem Blick, nimmt sich aber auch mal Zeit, zehn Minuten lang die Zähmung eines widerspenstigen Gauls zu zeigen. Allgemein gibt GODLESS ruhigen Szenen viel Raum. Nur manchmal wird sie dabei zu rührselig und unnötig kitschig. Insgesamt aber eine durchaus gelungene Serie mit erstaunlich wenigen Störmomenten.

von Benjamin Wirtz

Bewertung: 

Quelle: Pressematerial Netflix

 

Benjamin Wirtz

Hey, ich bin angehender Cineast, großer Kinofreund und interessiert an jeder Art von Filmen. Deshalb steht in meinem DVD-Regal Godard neben Besson, die „Alien“-Box neben der Truffaut-Box, „Saw“ neben „Frau ohne Gewissen“ und „Panzerkreuzer Potemkin“ neben „2-Headed-Shark-Attack".

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