FULLER HOUSE – Staffel 1 (2016)

Witzig-moderner Retro-Flashback

Funktioniert eine Serie, die vor gefühlten zwanzig Jahren bereits zu Ende gegangen ist, heute immer noch? Und wenn ja, wie? Diese Fragen haben sich bestimmt auch die NETFLIX-Köpfe hinter FULLER HOUSE gestellt und wagten ein mutiges TV-Experiment. Herausgekommen ist nichts anderes, als die Wiederbelebung einer Sitcom, die sich persifliert und den Geist von einst in unsere Gegenwart adaptiert.

INHALT:
Eine Ära geht zu Ende: Die drei Väter zieht es in die Ferne. Für T.J. Fuller (Candace Cameron Bure), die erst seit kurzem wieder im Haus ihrer Kindheit wohnt, nicht nur ein trauriger Moment, sondern es wartet auf sie auch eine große Herausforderung. Denn ihr Mann ist vor einigen Monaten gestorben und mit dem Auszug ihrer drei Väter muss sie nun ihren Job als Tierärztin, die Aufzucht ihrer beiden Söhne Jackson (Michael Campion) und Max (Elias Harger) und die Pflege eines großen leeren Hauses unter einem Hut bringen.

Und so entscheidet sich Langzeitfreundin und Familienklette Kimmy (Andrea Barber), dass sie kurzerhand mit ihrer Tochter Ramona (Soni Bringas) in das leere Haus einzieht, um T.J. zu helfen. Und auch Jetsetterin und DeeJane Stephanie (Jodie Sweetin) lässt ihr Lotterleben mehr oder weniger hinter sich und unterstützt ihre Schwester bei der Erziehung ihrer beiden Söhne. Ganz in guter alter Tanner-Tradition teilen sich somit erneut gleich drei Erziehungsberechtigte die Arbeit des Lebens in einer kleinen Großfamilie…

FAZIT:
„Every where you go…“ – Der Jingle von damals, als die Familien-Sitcom FULL HOUSE im samstäglichen Fernsehprogramm irgendwo zwischen EINE STARKE FAMILIE und EINE SCHRECKLICHE NETTE FAMILIE über den Bildschirm flimmerte, steht immer noch sofort auf Abruf bereit. Zurecht, denn die Serie hatte nicht nur Charme, sondern auch eine Menge Herz.

Der Erfolg von FULL HOUSE lag einerseits in den Figuren und andererseits im Konzept, das eine damals ungewöhnliche, aber sehr moderne Familienkonstellation präsentierte: Ausgerechnet drei Männer teilen sich in einem großen Haus die Aufzucht von drei Kindern, die wiederum ausgerechnet alle drei Mädchen sind. Das amerikanische Vorzeigefamilienbild wurde damit völlig auf dem Kopf gestellt. Doch statt Ablehnung und Protest, sammelte die Serie Anerkennung und Lob wurde FULL HOUSE zu einer der erfolgreichsten Serien der 1990er Jahre – und sie wurde zum Sprungbrett der wohl berühmtesten Zwillingsschwestern der Welt: Von Mary Kate und Ashley Olson.

In FULLER HOUSE wird diese Konzept umgedreht. Die neue Generation übernimmt und die Alte wird zu Sidekicks, die den Folgen der ersten Staffel die richtige Würze verleihen. Besonders präsent ist Jesse (John Stamos). Der selbsternannte Elvisfan und Berufsaltrocker ist immer noch eine coole Socke, der den Fokus an sich reißt, sobald er im Bild ist. Die Folgen mit ihm gehören in jedem Fall zu den stärksten der ersten Staffel.

Wir haben diese drei Frauen, die nun das Ruder der Serie übernommen haben, aufwachsen sehen, ja sind sogar irgendwie mit ihnen aufgewachsen. Wie bei alte Bekannten aus der Kindheit so üblich, hat man sich nach dem Kindergarten oder der Grundschule aus den Augen verloren. Nun sind sie plötzlich wieder da. Vielleicht sind sie etwas älter geworden, haben einen Job gefunden und sogar eine Familie gegründet, aber irgendwie hat sich zwischen uns (den Zuschauern) und ihnen (den Figuren aus der Serie) nicht viel geändert. Genau dieses Gefühl gelingt FULLER HOUSE wieder abzurufen. Wir kennen das Haus, wir kennen die Menschen und wir werden sofort wieder in diese harmonische Familienbande aufgenommen – gibt es etwas besseres für eine Serie, die nach so langer Zeit eine Fortsetzung wagt?

Wahrscheinlich nicht. Aber genau hierin liegt auch eine kleine, wenn auch merklich Krux. Denn wer nicht die Möglichkeit hatte, auch wenn FULL HOUSE seit dem oft wiederholt wurde, dem fällt es logischerweise schwer, mit einem Retroblick auf FULLER HOUSE zu blicken. Zwar bietet die Fortsetzung einen Fan-Service, der die Augen funkeln lässt. Doch die vielen kleinen, manchmal sehr offensiv-zelebrierten Anspielungen (etwa die vielen lieb-gemeinten Seitenhiebe auf die Olsen-Zwillinge), funktionieren eben nur, wenn man sie vorab bereits kennt. Und auch wenn Flashbacks erklärend eingesetzt werden, um die jungen Generationen abzuholen, wird man sie trotzdem nur schwer erreichen können.

Denn FULLER HOUSE lebt, zumindest in der ersten Staffel, von seiner Vergangenheit. Jeder Auftritt alter Gesichter wird zelebriert, jedes neue erste Mal, an dem ein altbekannter Ausruf („Wie Unhöflich.“; „Du hast es erfasst“) zu hören ist, wird von einer dramatischen Pause für Applaus begleitet. Der Fan will genau das und feiert diesen leicht trashigen Stil. Fragt sich natürlich nur, wie lange man im Laufe der nächsten Staffeln diesen Stil weiterfahren kann, bevor er seine Wirkung verliert.

Der Humor wirkt aufgrund der vielen Anspielungen vielleicht ein bischen altbacken. Da würde man der Serie aber unrecht tun. Denn ihr gelingt es nahtlos an die alte Serie anzuschließen – vor allem im Humor. Dieser ist kindgerecht, aber immer noch anzüglich genug, um sowohl die kleinen als auch die großen Zuschauer zu überzeugen. Dabei begnügt sich FULLER HOUSE nicht damit, einfach um die Gags eine Geschichte zu erzählen.
Vielmehr bedingt sich der Gag aus der Handlung heraus. Und diese hat einige Überraschung für den Zuschauer parat: So geht es in den ersten Folgen darum, dass sich die drei Frauen T.J., Stefanie und Kimmy als Einheit zusammenfinden. Danach lernen wir einige neue Figuren näher kennen. T.J., die mittlerweile als Tierärztin arbeitet, bandelt mit einem anderen Arzt (John Brotherton) an, wird dabei aber auch von ihrem Teenager-Freund Steve (Scott Weinger) umworben. Kimi hat dagegen eine komplizierte On-Off-Beziehung mit ihrem Ex-Mann in Spe und Stefanie sucht einen Platz im Leben und eifert ihrem Onkel Jesse nach. Und auch die Kids kommen bei all dem nicht zu kurz. Ihre Figuren sind stimmig und jeder übernimmt bald eine gewisse Stellung in der neuen Patchwork-Familie ein.

Insgesamt ist die erste Staffel von FULLER HOUSE durchweg gelungen. Fans des Klassikers werden sie feiern, andern könnte die Sitcom etwas zu flach und sogar zu unscheinbar sein. Dabei hat gerade hier NETFLIX bewiesen, dass sich die noch recht junge Produktionsfirma hinter dem Streaming-Portal ihrer Verantwortung bewusst war und mit liebe zur Serie eine würdige Fortsetzung gestartet hat. Das lässt auch hoffen, wenn man in Richtung GILMORE GIRLS denkt. Ich freue mich jedenfalls schon auf die zweite Staffel und hoffe, dass sie ihre Stärken aus der Vergangenheit nicht aufgibt und sich nicht zu noch einer gewöhnlich-langweiligen Serie entwickelt.

Die erste Staffel von FULLER HOUSE steht seit dem .2016 bei NETFLIX auf Abruf bereit.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial NETFLIX Deutschland 2016

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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