EMMA HAT FLÜGEL (2014)

Vagabundierender Blindflug durch Hamburg

INHALT:
Theo (Lars Kokemüller) ist gerade erst nach Hamburg gezogen und sucht nach Anschluss. Auf einem Spaziergang am Ufer begegnet ihm Emma (Anna Berg). Sie malt, wirkt beschäftigt, aber auf Anhieb ist sie ihm sympathisch. Etwas unbeholfen spricht er sie an und fragt, ob sie ihn malen könnte. Emma willigt mit der Bitte, dass er Stillsitzen soll ein – doch so einfach ist dies für einen so aufgeweckten, kommunikativen Menschen wie Theo nicht.

So verwickelt er sie in ein Gespräch über Pizza, Penisse und andere wichtige Eckpfeiler der Gesellschaft. Bald ist sie fertig und Theo steht mit einem phallischen Porträt seines eigenen Selbst im Arm alleine in der Bahn. Für ihn ist klar: Dieses Mädchen ist die Richtige. Dumm nur, dass er nicht weiß, wo sie wohnt, geschweige denn, wie ihre Telefonnummer ist. 

So begibt sich Theo auf eine Suche durch die maritime Großstadt, hängt Flyer aus und versucht Emma wieder zu finden – ohne zu ahnen, dass Emma gar nicht gefunden werden kann. Vielmehr wird Sie Theo finden…

FAZIT:
EMMA HAT FLÜGEL ist so zappelig, wie er ambitioniert ist. Die Dialoge sind einfach, skurril und dadurch authentisch, wenngleich häufig etwas zu platt und banal. Doch die Mischung prägt den einfachen Dialog: So ist der beiläufige Small Talk oft nur ein Eisbrecher zu tiefen Diskussionen über Religion, Sexualität und dem Unsinn des jungen Lebens. Darüber hinaus werden immer wieder kleine Geschichten erzählt, die mal mehr und mal weniger einen Mehrwert für das Gespräch bringen, geschweige denn einen Sinn ergeben.

Nebenbei wird auf der kleinen Reise durch die Straßen Hamburgs viel Alkohol konsumiert und das Bild des Vagabunden und Obdachlosen geradezu verklärt. Der Bierkonsum ist so normal wie die Figuren verrückt sind. So lebt Emma glücklich auf der Straße und kümmert sich wie ein Engel um andere Obdachlose: Emma ist mit einem drogensüchtigen Gitarrenspieler befreundet, der so aussieht, als sei er direkt von der letzten Studentenparty auf die Straße gefallen und trifft einen alten untalentierten Romanautor und Geschichtenerzähler, der keine Ideen hat.

Theo lebt in einer WG und steht dagegen geradezu in gefestigten Verhältnissen, wenn auch er noch nicht wirklich im Leben angekommen scheint. Läuft er doch als blauäugiger, grinsender Ja-Sager durch die Welt, hat noch große, naive Träume und unerreichbare Ziele. Sein bester Freund wiederum passt in das Bild der Vagabunden. Er hat vor kurzem grundlos seinen gutbezahlten Job als Werbetexter aufgegeben und arbeiten nun auf dem Bau.

Aufgrund dieser verklärten, fast frechen Figurenkonstellation, die sich krampfhaft gegen die Konventionen des deutschen Genrekinos zu stellen versucht, wirken viele Szenen in EMMA HAT FLÜGEL wie ein verträumtes Märchen über eine heile, heimatlose Welt. Zugegeben: die Idee eines laienhaft inszenierten, urbanen Märchens ist ein frischer Ansatz, jedoch einer ohne ein Ziel.

Denn die selbst erklärte Intention des Regisseur Lars Kokemüller in seinen Werken ist aufzufallen und alles anders zu machen. Doch EMMA HAT FLÜGEL beschränkt sich nur darauf, sich aufzulehnen, statt realistische Lösungen anzubieten. So ist der nonkonforme, verklärte Widerstand gegen die Gesellschaft und die etablierte Art des Filmemachens in EMMA HAT FLÜGEL zwar omnipräsent, jedoch mit zunehmenden Minuten ebenso nervig wie sinnlos.

EMMA HAT FLÜGEL hat gutgemeinte Ansätze, hinkt jedoch in der Umsetzung. Technisch laienhaft ist der Ton immer wieder verzerrt und stumpf, ebenso zeigt sich auch die Handlung mit einigen Sinnlöchern. Vor allem der Kamerastil lässt jedoch erkennen, dass die junge Produktionsfirma „Radikal & Arrogant“ ihr Handwerk des Filmemachens durchaus erlernt hat. Jedoch fehlt noch viel Erfahrung, um eine selbst auferlegte Revolution des deutschen Films herbeirufen zu können. So bleiben auch Emmas Flügel vorerst gestutzt, bis sich das Potential von Radikal & Arrogant vollends entfaltet hat.

EMMA HAT FLÜGEL ist auf DVD im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

 

Quelle: Pressematerial Radikal und Arrogant

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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