EKEL (1965)

Polanskis Meisterwerk

Roman Polanski hat vielen Genres größere oder kleinere Meisterwerke beschert: dem Horrorfilm (ROSEMARIES BABY), dem Thriller (FRANTIC), der Persiflage (TANZ DER VAMPIRE), dem Film Noir (CHINATOWN) oder dem NS-Drama (DER PIANIST). Mit EKEL, einem seiner frühen Filme, widmet er sich dem surrealistischen Psycho-Horrorthriller. Es ist der verstörendste und unheimlichste Film des Regisseurs.

Der Titel EKEL sagt es schon: Hier geht es mehr um ein Gefühl als um eine Geschichte. Polanski will dieses Gefühl aber nicht mit einer Aneinanderreihung ekelerregender Szenen erreichen. Er nähert sich ihm auf einer abstrakteren Ebene. EKEL beherrscht auch heute noch den Zuschauer, lenkt ihn in eine surreale Welt des Schreckens, aus der es kein Entkommen gibt, weil der Schrecken in einem selbst steckt. Ein beeindruckender Film, der noch lange nachhallt und beschäftigt.

 

INHALT:

Die schöne Französin Carol (Catherine Deneuve) arbeitet in London als Maniküre und lebt mit ihrer älteren Schwester Helen (Yvonne Furneaux) zusammen. Sie nimmt die Umgebung anders wahr als andere Menschen und findet vieles abstoßend, was für andere normal ist: körperliche Berührungen, die Badartikel des Freunds ihrer Schwester oder männliche Anwesenheit im Allgemeinen.

Als Helen mit ihrem Freund in den Urlaub fährt und Carol trotz starker Proteste alleine lässt, verschlimmert sich Carols Zustand radikal. Sie leidet unter Wahnvorstellungen, fantasiert von reißenden Wänden oder fremden Männern in der Wohnung. Ihren Job darf sie nicht mehr ausüben, nachdem sie einer Kundin fast den Finger abgeschnitten hat. Und der Mann, der sie seit einiger Zeit zu umwerben versucht, erscheint plötzlich als tödliche Bedrohung.

FAZIT:

Der Film beginnt mit einer Großaufnahme eines Auges, über das die Titel und Credits laufen. Wer Luis Buñuels surrealen Kurzfilmklassiker EIN ANDALUSISCHER HUND gesehen hat, rechnet nun mit dem schlimmsten. Denn dort wird der Augapfel in einer der schockierendsten Einstellungen der Filmgeschichte von einem Rasiermesser zerschnitten. So weit geht Polanski nicht mit seinem Zitat zu Beginn des Films, doch ein Rasiermesser wird auch hier später noch eine entscheidende Rolle spielen.

Es sind solche ungewöhnlichen Einstellungen wie diese zu Beginn von EKEL, die die Atmosphäre des Films bestimmen. Großaufnahmen, die normale Gegenstände unheimlich und unnormal erscheinen lassen. Die Kamera richtet ihren Blick durch einen Zoom oder eine Bewegung immer wieder abseits der gewohnten Wege und Bilder: auf Zahnbürsten, auf Zuckerwürfel oder auf das verzerrte Spiegelbild in der Teekanne.

So wie das Spiegelbild in der Teekanne verzerrt wird, so wird auch die Realität in EKEL verzerrt. So wie Carol von den scheinbar normalen Dingen abgestoßen wird, so erhält nun auch der Zuschauer einen neuen Blick auf diese alltäglichen Dinge – und mag sich dem Unbehagen Carols an ihnen durchaus anschließen. Schnell ist klar, dass es sich bei vielen Szenen um die Wahnvorstellungen Carols handelt, wenn Wände einreißen, fremde Männer in der Wohnung herumschleichen oder sie nachts sogar vergewaltigen. Doch diese Tatsache macht das Ganze nicht weniger verstörend (nur weil es in ihrem Kopf passiert, heißt es nicht, dass es nicht real ist – um es mit abgewandelten Worten Dumbledores zu sagen). Der Zuschauer wird mit in diesen Wahn gesogen, oft durch Kleinigkeiten auf der Tonebene, wie der Tonleiter, die ein Nachbar ständig übt, dabei aber häufig Fehler macht, oder den nur gezielt aufkommenden Score (der Trailer gibt einen guten Eindruck von der Musik). Manchmal wird der Zuschauer weniger subtil in den Wahn gesogen, etwa in den spärlich eingesetzten Schockmomenten, die wegen ihres guten Timings aber jedes Mal heftig treffen.

Catherine Deneuve verkörpert Carol unwahrscheinlich gut. Mit ihrer wunderschönen Erscheinung und ihrer zurückhaltenden, aber klar abneigenden Haltung allen Menschen gegenüber ist sie schwer zu durchschauen. Sie ist anders als die anderen, verhält sich merkwürdig. Man weiß, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmt, aber man weiß nicht, was. Wenn sie unberechenbar in ihrem weißen Nachtkleid in der Wohnung herumwandelt oder still im Zimmer steht, hat dies unheimliches Gruselpotential. Dabei ist der Ursprung ihres Wahns zutiefst tragisch: Die aufreißenden Wände, die Wahnvorstellungen von Händen, die sie berühren, und von Vergewaltigungen sowie das Familienfoto, das immer wieder ins Bild gerückt wird, lassen die naheliegende Deutung zu, dass Carol als Kind von ihrem Vater missbraucht wurde (auch wenn Polanski diese Deutung angeblich ablehnte). Die Einsamkeit und die nicht verarbeiteten Erinnerungen haben sie dann endgültig in den Wahnsinn verfallen lassen.

EKEL ist ein Film, bei dem sich auch ein mehrfaches Sehen lohnt! Er ist seit dem 17. Mai 2018 auf DVD und Blu-ray im Handel erhältlich. Die DVD enthält als Extras eine informative Doku über die Entstehung des Films, ein Interview mit dem Kameramann, einen Audiokommentar und Trailer und ist damit sehr zufriedenstellend ausgestattet.

von Benjamin Wirtz

Bewertung:

Quelle: Pressematerial StudioCanal

 

Benjamin Wirtz

Hey, ich bin angehender Cineast, großer Kinofreund und interessiert an jeder Art von Filmen. Deshalb steht in meinem DVD-Regal Godard neben Besson, die „Alien“-Box neben der Truffaut-Box, „Saw“ neben „Frau ohne Gewissen“ und „Panzerkreuzer Potemkin“ neben „2-Headed-Shark-Attack".

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