EAT DRINK MAN WOMAN (1994)

Kochen, Krisen & die hohe Filmkunst

EAT DRINK MAN WOMAN ist eine verquere Story über einen kulinarisch begabten Vater und seinen drei erwachsenen Töchtern, die unterschiedlicher nicht sein könnten und sich doch irgendwie alle nach dem Gleichen sehnen. Seit kurzem ist Ang Lees zweiter Film auf DVD und Blu-Ray wieder im Handel erhältlich. Jörg wagt sich an dieses Filmwerk und schildert euch in seiner Kritik, warum jeder mal diesen Film gesehen haben sollte.

INHALT:

Chu (Sihung Lung) hat eine Passion: Das Kochen. Beruflich ist er eine Koryphäe seiner Zunft und ein Meister der traditionellen Küche und auch in seinem Privatleben opfert er viel Zeit damit, seine Familie mit kulinarischen Kunstwerken zu verzücken. Die jedoch wirkt zunehmend undankbar und auch er ist genervt von seinen drei Töchtern, die alle drei noch zu Hause wohnen und irgendwie auf der Stelle treten. Sie sind weit davon entfernt, ihr eigenes Leben aufzubauen.

Zh Jianing (Wang Yuwen), die jüngste Tochter, ist Studentin, arbeitet zum Missfallen ihres Vaters ausgerechnet in einem Fast Food Restaurant und setzt ihr Studium nur widerwillig fort. Zhu Jiagian (Wu Quianlian) spielt dagegen in der internationalen Liga mit. Als Geschäftsfrau strebt sie nach der ganz großen Karriere im Big Business, hat sogar eine Aussicht auf einem führenden Posten in London. Doch sie zweifelt noch, denn sie hat gerade privat in etwas investiert, das sie eigentlich in ihrer Heimat hält. Auch die Älteste steht als Lehrerin schon fest im bürgerlichem Berufsleben. Einst enttäuscht von einem Mann, ist Zhu Jiazhen (Yang Guimei) frustriert mit ihrem Leben und sieht sich in der Verantwortung sich um ihren Vater den Rest ihres Lebens kümmern zu müssen.

Der jedoch will gar nicht gepflegt werden, sondern baut sich im Geheimen schon längst ein neues Leben auf. Dazu muss er seine Töchter aber erstmal loswerden. Doch bald verketten sich die Ereignisse und plötzlich verändert sich für jeden der vier das Leben schneller als ihnen lieb ist…

FAZIT:

Im Gegensatz zu Ang Lees erstem Film DAS HOCHZEITSBANKETT zeigt sich EAT DRINK MAN WOMAN von einer deutlich ernsteren, fast tragischen Seite. Dennoch versteht es Lee auch diesmal durch leise Seitenhiebe der Dramatik eine Hauch Komik zu verleihen. Diese Aufheiterung ist auch bitter nötig, denn in EAT MAN DRINK WOMAN erleben wir eine vierköpfige Familie, die sich mit sich abgefunden hat und in gewisser Weise stagniert, darin jedoch viele glückliche Momente hat – und doch will jeder ausbrechen.

Genau von diesem „sich selbst wiederfinden“, von dem Befreiungsschlag aus dem behüteten Armen der Familie, handelt EAT DRINK MAN WOMAN. Metaphorisch um-malt wird dieses Thema durch die asiatische Küche. Diese wird wortwörtlich zelebriert. Die Zubereitung der Speisen nimmt ganze Szenen ein und zeigt alle erdenklichen Facetten der recht komplizierten Rezepte. Eine kulinarische Asia-Ästhetik eröffnet sich hier, in der sich die Figur in der Zubereitung und Garnierung der aufwändig gebratenen, geschmorten, gedünsteten und gegarten Mahlzeiten verliert, sich dieser gar völlig unterordnet. Diese innewohnen Metaphorik der Kochszenen unterstützt aber das Hauptthema. Denn Familie ist eben nicht nur da, wo seine geliebten Mitmenschen, sondern vor allem auch da, wo die bekannten Gerüche und Gerichte aus der Kindheit sind.

Da, wo gekocht wird, ist Heimat: EAT DRINK MAN WOMAN ist eine Ode an die asiatische Küche und eine Persiflage auf das traditionelle Familienleben, in dem die Töchter erst dann ausziehen, wenn sie verheiratet sind – dann aber bitte sofort und ohne Zögern. Das tragikomische Drama zeigt eine Familienkonstellation, die schwieriger nicht sein könnte: Ein Vater, der gleich drei Töchter alleine großzieht. Dass dadurch eine ganz besondere Bande entstanden ist, spürt man in den Figuren. Jedes Familienmitglied hat im Prinzip ihr eigenes Leben und doch ist sie an ihre Familie gebunden, kann und will auch gar nicht ohne die anderen. Vor allem die Beziehung zwischen der mittleren Tochter und ihrem Vater ist eine besondere. Sie verstehen sich blind, dass wird in mehreren Szenen und Dialogen deutlich. Und doch haben sie sich von einander entfremdet und sich gegenseitig zurückgestoßen. Diese Distanz ist in der gesamten Familien allgegenwärtig, wenngleich sie nicht bei allen so deutlich nach außen tritt, wie bei den eben genannten beiden. Es gibt einen Zwiespalt zwischen Freiheitsdrang und Entbindungsangst, der den inneren Konflikt der Personen in EAT DRINK MAN WOMAN bestimmt.

Scheu, Angst und fehlender Mut hat obendrein aus dem gemeinsamen Familienleben ein Hort des Schweigens gemacht. Alle vier reden nur noch das Nötigste miteinander, haben Geheimnisse, Pläne und Sehnsüchte. Das Band hält, eben weil nicht jeder alles weiß – so denken sie zu mindestens. Dabei beruht eine Gemeinschaft auf Vertrauen und erst wenn alle Geheimnisse auf dem Tisch kommen und das Chaos für kurze Zeit die Oberhand gewinnt, kann die Familie wieder wirklich gemeinsam zusammenwachsen – das zu erkennen, ist nur eine Aufgabe, der sich die Figuren im Laufe des Films stellen.

Vielmehr müssen in EAT DRINK MAN WOMAN alle durch eine aufwühlende, alles verändernde Zeit, in der sie neuen Mut schöpfen und ihr Leben in den nächsten Abschnitt bewegen. Veränderungen sind immer aufregend und in ihrem Ergebnis ungewiss. Aber wenn die Familie zusammenhält, dann sind sie keine Hürde, sondern nur ein weiter Schritt im Leben, der einem näher zu dem hinbringt, was wir als „glücklich sein“ beschreiben würden.

EAT DRINK MAN WOMAN ist ab dem 26.06.2016 auf DVD und Blu-Ray im Handel erhältlich.

von Jörg Gottschling

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Koch Media 2016

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Moin! Ich bin der Filmaffe. Und der Blog ist meine Schuld. Als Filmjunkie, Digital Native & Medienprimat ist mein natürlich Habitus der Bildschirm und alles, was sich darin befindet.
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