Die Landschaft: Der wahre Hauptdarsteller guter Serien

Für eine gute und spannende Serie sind interessante Hauptcharaktere dringend notwendig. Die Figuren müssen sympathisch sein oder witzig, brutal oder geheimnisvoll und in letzter Zeit immer häufiger zwiegespalten zwischen Gut und Böse und unberechenbar. Doch der eine Hauptdarsteller, den eine gute Serie haben muss, wird dabei oft vergessen: Die Gegend, die Landschaft, der Ort, an dem sie spielt.

Das ist die gewagte – und durchaus diskutierbare – These hier: Jede gute Serie macht aus ihrem Handlungsort einen Hauptdarsteller. Das bedeutet nicht, dass die Serie einfach nur erwähnt, wo sie spielt, so wie man etwa weiß, dass LIE TO ME (2009-2011) in Washington angesiedelt ist, aber das nicht weiter zum Seriengenuss beiträgt. Wichtig ist, dass die Landschaft unverzichtbarer Teil der Serie wird, dass sie von ihr zelebriert wird, in Handlung, Bild und Ton wiederzufinden ist und dass sie in dieser Serie einzigartig wird. Dass sie die Atmosphäre der Serie aufnimmt oder umgekehrt die Serie ihre Atmosphäre.

Sieht man dann später die Gegend in anderem Kontext, muss sofort der Gedanke an diese Serie auftauchen. Zum Beispiel, wenn man eine öde Wüstenlandschaft mit strahlend blauem Himmel sieht – man hat sofort BREAKING BAD (2008-2013) im Kopf. Denn die öde Wüstengegend rund um Albuquerque und die nahe Grenze zu Mexiko ist ein wesentlicher Bestandteil der erfolgreichen Serie und nicht daraus wegzudenken.

Ähnlich verhält es sich mit der Amazon-Serie BOSCH (seit 2014), die ihr Setting in der Verbindung zwischen Los Angeles und Las Vegas ansiedelt. Auch hier finden sich Wüstenlandschaften, sie werden aber mit den Bildern der Metropolen kombiniert. Dabei kann ein Ort auch für mehrere Serien typisch sein. L.A. zum Beispiel ist ebenfalls wichtiger Bestandteil von CALIFORNICATION (2007-2014). Großstädte können leicht zu solchen wichtigen Hauptcharakteren einer Serie gemacht werden: THE WIRE (2002-2008) etwa zeichnet im Prinzip ein Bild der Stadt Baltimore.

Auch im Bereich der Sitcoms kann man diese These bestätigt sehen, wenn auch etwas problematischer. HOW I MET YOUR MOTHER (2005-2014) feiert die Stadt New York und bezeichnet sie auf allen Ebenen als beste Stadt der Welt. Das Problem hierbei ist nur, dass es selten wirkliche Bilder der Stadt zu sehen gibt, sondern eher – wie meist bei Sitcoms – Studiobauten, und daher die Authenzität etwas getrübt wird.

Eine weitere Serie, für die die Landschaft entscheidend ist, ist TRUE DETECTIVE (seit 2014). In der ersten Staffel ist die triste, weite Landschaft von Louisiana neben Matthew McConaughey und Woody Harrelson der dritte Hauptdarsteller der hochgelobten Mini-Serie. Die zweite Staffel wurde von vielen Kritikern stark negativ bewertet, wohl weil alle drei Hauptdarsteller ausgetauscht worden waren. So sehnte sich der Hollywood Reporter in seinem Review nach den Gesprächen von Rust und Marty auf Louisianas Seitenstraßen zurück. Die Einzigartigkeit von Louisianas Landschaft wurde in der zweiten Staffel durch das schon tausendfach gesehenen L.A. ersetzt, und es wurde nicht geschafft, L.A. irgendwie neu zu präsentieren, wie es BOSCH oder CALIFORNICATION gelungen war.

Der Ort kann übrigens auch eine fiktiver Ort sein, eine fiktive Kleinstadt etwa, wie in der Serie TWIN PEAKS (1990-1991), die der Ortschaft sogar ihren Namen gibt. Die Wälder und die Siedlung kreieren hier die unheimliche Stimmung, die David Lynch in seinem Werk perfektioniert hat.

Muss man also nur eine neue Landschaft finden und gut in Szene setzen und hat damit eine gute Serie geschaffen? Das wohl kaum, da es genug andere Aspekte gibt, die eine gute Serie ausmachen. Aber die Gegend sollte ein wesentlicher Bestandteil der Serie sein und die (irrationale) Sehnsucht des Zuschauers zu diesem Ort steigern. Es verhält sich mit der Landschaft wie mit den menschlichen Hauptcharakteren: Findet der Zuschauer sie interessant, bleibt er an der Serie dran; findet er sie langweilig, wird er abspringen. Oder nicht?

Kennt ihr weitere Serien, die diese These bestätigen? Oder habt ihr Gegenbeispiele? Diskutiert in den Kommentaren mit.

von Benjamin Wirtz

Benjamin Wirtz

Hey, ich bin angehender Cineast, großer Kinofreund und interessiert an jeder Art von Filmen. Deshalb steht in meinem DVD-Regal Godard neben Besson, die „Alien“-Box neben der Truffaut-Box, „Saw“ neben „Frau ohne Gewissen“ und „Panzerkreuzer Potemkin“ neben „2-Headed-Shark-Attack".

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