AVANTI, AVANTI! (1972)

Herrlich unanständige Billy Wilder/Jack Lemmon- Komödie

Billy Wilder und Jack Lemmon waren ein grandioses Duo. Sieben Filme haben sie zusammen gedreht. Ihre Komödien MANCHE MÖGEN’S HEISS ( 1959), DAS APARTMENT (1960), oder DAS MÄDCHEN IRMA LA DOUCE (1963) gehören mit zu dem Besten, was das amerikanische Kino zu bieten hat.

Auch AVANTI, AVANTI! ist ein pures Billy Wilder-Werk: Er schrieb das Drehbuch, produzierte den Film und führte Regie. Trotz seiner mit knapp 140 Minuten für eine Komödie ungewöhnlich lange Laufzeit treten nie Längen auf. Vor allem ist die große Stärke des Films, dass er nicht nur zum Weinen komisch ist, sondern dass er durch viel Gefühl auch zu Tränen rührt – eine absolut sehenswerte Komödie vor wunderschöner italienischer Kulisse.

 

INHALT:

Der reiche amerikanische Unternehmer Wendell Armbruster (Jack Lemmon) fährt nach Italien, um die sterblichen Überreste seines Vaters abzuholen. Dieser war vor wenigen Tagen bei einem Autounfall auf der Insel Ischia ums Leben gekommen. Schon auf der Reise dorthin sieht sich Wendell allerlei Schwierigkeiten ausgesetzt, nicht nur wegen der für ihn ungewohnten Bräuche der Italiener. Die Beerdigung seines Vaters, zu der hochrangige Personen kommen werden, soll schon in drei Tagen stattfinden – nicht viel Zeit, um die vielen Angelegenheiten zu klären.

Wendell erfährt vor Ort, dass sein Vater bei dessen Tod in Begleitung einer Dame war, die ebenfalls bei dem Unfall starb. Die hübsche Engländerin Pamela Piggott (Juliet Mills), der Wendell auf seiner Reise nach Ischia immer wieder begegnet war und die jetzt im selben Hotel wohnt wie er, ist auf die Insel gefahren, um den Körper ihrer toten Mutter überführen zu lassen. Und was Wendell dann über seinen Vater erfährt, bringt ihn völlig aus der Fassung…

FAZIT:

Es fängt schon nicht gut an für Wendell Armbruster: Weil er im Zeitstress seinen Anzug vergaß, tauscht er im Flugzeug mit einem anderen Passagier die Klamotten. Dumm nur, dass sie dabei auch die Pässe vertauschten, denn die italienischen Sicherheitsbehörden halten diese Geschichte nicht gerade für allzu glaubhaft. Es ist ein witziges Missverständnis, mit dem Wilder in seinen Film einsteigt, nur einer von unzählig vielen komischen Einfällen. Genial nimmt er nicht nur die fremden italienischen Bräuche auf die Schippe, sondern auch die Erwartungen der Amerikaner.

In den nächsten Tagen wird noch einiges auf Wendell zukommen: die Leichen werden verschwinden, er wird erpresst, die Erledigung der Formulare wird zur reinen Papierschlacht und allerlei Missverständnisse erschweren die Kommunikation. Vor allem aber begibt sich Wendell unfreiwillig mit Pamela auf die Spuren der beiden verstorbenen, heimlich Liebenden.

AVANTI, AVANTI! bietet eine hervorragende Mischung aus kleinen Albernheiten, intelligentem Wortwitz, feurigen Dialogen und komisch-absurden Situationen. Dabei verkommt er nie zu billigem Klamauk. Doch AVANTI, AVANTI! ist nicht nur immer wieder zum Brüllen komisch, er ist auch von viel Gefühl und feiner Tiefsinnigkeit durchzogen. Bei manch anderem Regisseur wären aus diesen gefühlvollen Szenen schnell Kitsch oder unglaubwürdige Gefühlsduselei geworden. Doch Wilder bettet sie passend in seine witzigen Momente ein und verleiht ihnen Authentizität. Bei ihm werden die beiden Toten (auch das muss man dem Film hoch anrechnen) nicht einfach zu dem Element, das die Handlung in Gang setzt und vorwärts treibt. Aus den beiden Verstorbenen werden, ohne dass man sie als Zuschauer je sehen würde, Persönlichkeiten, echte Menschen, die einmal gelebt haben.

Zur Authentizität von AVANTI, AVANTI! tragen natürlich auch die beiden hervorragenden Schauspieler bei, voran natürlich Jack Lemmon, der hier wieder einmal in Höchstform mit seiner feinen Mimik sowohl Tragik als auch Komik darbietet – oft beides im gleichen Moment. Doch auch Juliet Mills begeistert mit ihrem Spiel – durch sie wird die Tragik deutlich, die hinter allem steht.

Für Pamela Piggot ist die Geschichte zwischen ihrer Mutter und Wendells Vater nämlich kein Ärgernis. Sie wusste über sie Bescheid und hielt sie für romantisch und schön. Es ist also kein Wunder, dass sie zutiefst verletzt ist, als Wendell diese Geschichte als unehrenhafte, anstößige Sache abtun möchte. Für sie waren die beiden Verstorbenen ein perfektes Paar, für ihn war deren Beziehung eine billige, verlogene Affäre. Anders als Wendell, der seinen Vater nun als „Lustmolch“ und „Hurenbock“ beschimpft, trauert Pamela um ihre geliebte Mutter und deren große Liebe, die sie akzeptierte und ihrer Mutter gönnte.

Wenn sie dann in dem Leichenschauhaus steht und gerade die Beleidigungen Wendells ertragen musste, der ihre Mutter und deren aufrichtige Liebe zu seinem Vater verunglimpft hat, wenn sie dann ganz allein in dem großen Raum ihr Taschentuch zückt und still und leise um ihre geliebte Mutter trauert – dann zerreißt es auch dem Zuschauer das Herz. Dabei hatte man vorher noch über die durchaus komischen Beschimpfungen gelacht. Denn man nimmt Wendell diese Anfeindungen nicht übel, klingt doch alles aus seiner Sicht sehr plausibel. AVANTI, AVANTI! schafft es, die Geschichte gleichzeitig aus beiden Erzählwinkeln zu beleuchten. Keine der beiden Figuren ist unsympathisch. Die Reaktionen beider sind nachvollziehbar.

Witz und Komik dominieren AVANTI, AVANTI!, doch die Szenen voller Gefühl und Melancholie machen aus dem Film etwas ganz Besonderes. Unbedingter Filmtipp.

AVANTI, AVANTI! ist ab dem 22. Februar 2018 auf DVD und Blu-ray im Handel erhältlich. Als Extras gibt es Trailer, Interviews und eine Bildergalerie.

von Benjamin Wirtz

Bewertung:

Quelle: Pressematerial Koch Media

 

Benjamin Wirtz

Hey, ich bin angehender Cineast, großer Kinofreund und interessiert an jeder Art von Filmen. Deshalb steht in meinem DVD-Regal Godard neben Besson, die „Alien“-Box neben der Truffaut-Box, „Saw“ neben „Frau ohne Gewissen“ und „Panzerkreuzer Potemkin“ neben „2-Headed-Shark-Attack".

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