SCHWARZ AUF WEIß #6: CITIZEN KANE (1941)

Der Film der Filme

Der Tag ist gekommen, DER Film hat es in meine kleine aber feine Filmrubrik geschafft. Es ist natürlich kein Geringerer als der große, tolle, fabulöse CITIZEN KANE. 1941 vom Großmeister des Kinos erschaffen, Orson Welles. Dieser war damals gerade mal 25 Jahre alt. Ich war ja noch auf der Uni mit 25 und auch heute hab ich noch kein filmisches Meisterwerk erschaffen. Welles spielte die Hauptrolle, schrieb am Drehbuch mit, führte Regie, organisierte die Produktion und den Final Cut, also das letzte Wort beim Schnitt. Viel zu tun also.

Mein erstes Zusammentreffen mit CITIZEN KANE hatte ich gleich zu Beginn meines Bachelorstudiums. Ein paar eifrige Dozenten teilten eine Liste der 101 Filme aus, die wir nach Ende unseres Studiums gesehen haben sollten. Ich, die bis dahin ihr Leben in einem 500-Seelen-Dorf gefristet hat, von dem das nächste Kino circa 30 Autominuten entfernt lag, hatte von den meisten Filmen noch nie gehört. Motiviert wollte ich diese Lücke schnellstmöglich füllen und habe mir für die Weihnachtsferien gleich mehrere Filme ausgeliehen.

Ich habe CITIZEN KANE also morgens um zwei in meinem Elternhaus gesehen – alleine. Danach war ich etwas deprimiert, denn ich konnte nicht gleich sehen, was diesen Film zum Besten Film aller Zeiten macht. Wie sollte ich mein Studium schaffen, wenn ich nicht sehen konnte, was alle anderen sahen? Heute weiß ich, dass es in Ordnung ist, wenn man den Zauber nicht gleich erkennt. Man muss lernen Filme im Kontext zu sehen. Für den Durchschnittskinogänger gibt das Welles-Meisterwerk bestimmt nicht mehr sehr viel her. Wenn man allerdings die Entstehungszeit im Auge behält, dann versteht man die Verehrung.

Aber zunächst einmal zum Inhalt:
Der reiche Medienmogul Charles Foster Kane (Orson Welles) stirbt alleine in seiner Villa. Das letzte Wort aus seinem Mund ist ROSEBUD. Daraufhin wird in einer Art Wochenschausendung Teile seines Lebens erzählt. Das ganze stellt sich aber bald als Probe heraus. Dem Produzenten ist das Ganze noch zu unspektakulär und so wird der Journalist Jerry Thompson (William Alland) damit beauftragt, die Bedeutung des letzten Wortes zu finden. Durch Gespräche mit Weggefährten des Verstorbenen kommen immer mehr Informationen ans Licht. Flashbacks helfen, das Leben Kanes nachzuerzählen. Trotz all der Bemühung bleibt das Rätsel für Thompson ungelöst. Der Zuschauer jedoch erhält die erlösende Aufklärung.

Die Erzählung von CITIZEN KANE springt durch die Zeit. Was man heute schon eher gewohnt ist, war damals doch eher selten. Der Film beginnt mit dem Tod der Hauptfigur und von da an, geht es mal in die Vergangenheit, um dann wieder in der Gegenwart zu landen. Kanes Leben wird dabei von mehreren Weggefährten erzählt, sei es nun seine zweite Frau Susan Alexander (Dorothy Comingore) oder sein langjährige Kollegen Jedediah Leland (Joseph Cotten) . Das bedeutet also, dass es Charaktere gibt, die von Thompson interviewt werden und der Zuschauer so mehr von Kane erfährt und das Erzählte von Flashbackszenen untermalt wird. Aber nicht nur im Erzählstil wurden Neuheiten verwendet. Auch neue filmische Stilmittel wurden eingesetzt. Das Lieblingswort zahlreicher Filmstudenten ist wohl der Begriff „Tiefenschärfe“. Objekte an verschiedenen Positionen in der Einstellung können dabei scharf sein. Ein Beispiel hierfür ist die Verlesung von Kanes Verzichtserklärung.

Weiter kommt die Vogel- beziehungsweise Froschperspektive häufig zum Einsatz. Die Froschperspektive ist eine gute Methode, um die Autorität einer Person hervorzuheben oder ihre soziale Stellung zu verdeutlichen. Charles Kane wird häufig so gefilmt.

Weitere Besonderheiten des Films waren zum Beispiel die sehr langen Sequenzen und das häufige Arbeiten mit Spiegelungen. Der Kameramann Gregg Toland verdient sehr viel Lob für seine Arbeit. Nicht nur für die bereits genannten Stilmittel. Es ist sowohl der Kamera als auch dem Maskendepartment zu verdanken, dass man Orson Welles und auch anderen Charakteren jedes Spielalter abnimmt.

Vielen Kritikern war bereits zu Beginn klar, dass es CITIZEN KANE ein großartiger Film ist. Er erhielt neun Oscar-Nominierungen, konnte aber lediglich die Kategorie „Bestes Drehbuch“ für sich beanspruchen. Die Anerkennung durch Kritiker, konnte den Flop an den Kinokassen jedoch nicht verhindern. Ein Grund dafür könnte gewesen sein, dass viele früh einige Parallelen zwischen dem Charakter Charles Foster Kane und dem realen Medienmogul William Randolph Hearst sahen. Da Hearst im Besitz einiger Publikationen war, konnte viel Werbung für den Film vermieden und seinem Ruf geschadet werden. Welles wurde früh als Wunderkind bezeichnet, was seine extremen Freiheiten während CITIZEN KANE erklärt. Einmal so verwöhnt, wollte er das gerne beibehalten. Der Misserfolg des Films verhinderte dies jedoch. Um Geld für neue Projekte zu verdienen, arbeitete Orson Welles Zeit seines Lebens als Schauspieler, Synchronsprecher, schrieb Drehbücher und war sich auch sonst zu wenig in der Filmbranche zu schade.

Für Filmliebhaber – und als solchen kann man einen Leser dieser Rubrik definitiv bezeichnen – ist CITIZEN KANE ein Muss. Es handelt sich um einen Klassiker der Filmgeschichte und auch wenn ich seinen Reiz nicht von Beginn an erkannt habe, ist er mir doch sehr ans Herz gewachsen.

von Sarah Binder

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Ich hab was mit Medien studiert und liebe Bananen. Keine Frage also, dass ich für den Filmaffen über die Welt der Filme und Serien berichte.
Sarah Binder

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